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Dialoge

Unter dem Titel Dialoge werden – alle zwei Jahre variierend - aktuelle, hochbrisante gesellschaftspolitische Themen bearbeitet und in praktischer-künstlerischer Umsetzung und wissenschaftlich-theoretischer Situierung verortet. Die Dialoge reagieren auf weltweite politische, soziale Ereignisse und Zustände und kommunizieren somit die Arbeitsschwerpunkte I, II und III des Zentrums. Auf diese Weise werden die kreativen und akademischen Potentiale der Steiermark und des Grazer Stadtraums aufgegriffen, international vernetzt und sichtbar gemacht. So kann das Endergebnis unterschiedlichste Formen annehmen und in Form eines Diskussionsabends, eines akademischen Vortrages, einer Lesung, einer Performance oder eines partizipativen Kunstprojektes, im Sinne der Relational Aesthetics, präsentiert werden.

Die erste Reihe der Dialoge, Dialoge I: Kunst – Politische Verantwortung – Soziale Gerechtigkeit wird in Kooperation mit dem Grazer Kunstverein, am 16., 17., 18. und 21. Mai 2022, in den Räumlichkeiten des Grazer Kunstvereines stattfinden.

 

Dialog I: Kunst – Politische Verantwortung – Soziale Gerechtigkeit

Die erste Reihe der Dialoge trägt den Titel „Kunst – Politische Verantwortung – Soziale Gerechtigkeit“. Damit setzt das Zentrum für GegenwartsKunst Schwerpunkte, die durch die sozio-politischen Ereignisse der letzten Jahre an Aktualität und Brisanz kaum zu übertreffen sind. Im Mittelpunkt stehen politische Konfliktzonen in Europa, mit einer besonderen Schwerpunktsetzung auf die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine, Vielfältigkeit im Zusammenhang mit der Hinterfragung und Neudefinierung von Identitätskonzepten, die eng an Diskurse aus und über die LGBTQ+-Community angebunden sind sowie Fragen rund um den Kolonialismus und Imperialismus.

Soziale Gerechtigkeit war schon immer ein wichtiges Thema bei der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Kunst und Politik, wenn zum Beispiel Bilder und Kunstwerke hinterfragt und diskutiert werden, die den Kolonialismus repräsentieren, und im Zuge dessen auch die Rolle Europas in der Geschichte der Unterdrückung zum Thema wird. Durch die Infragestellung dieser dominanten Erzählungen fordern und entwickeln KünstlerInnen und TheoretikerInnen einen dynamischen Kulturbergriff. WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen haben das Potenzial den kritischen Blick auf stereotypisierende Bilder, die auf kolonialistische und imperialistische Hintergründe zurückzuführen sind, zu schärfen und gleichzeitig Aspekte wie strukturelle Ausgrenzung und Unterdrückung zu beleuchten. Repräsentation und Sichtbarkeit im Widerstand gegen vorherrschende Machtasymmetrien bekommen in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung.

Kunst-, Kultur-, Diskurstheorien und (Inter-) Medialitätstheorien beschäftigen sich mit der Frage, wer mit wem, wie und in welchen Kontexten sprechen darf und welche Wirkung damit hervorgerufen wird. Derartige Vorstellungen, eine „legitime“ Stimme zu besitzen und damit zum Schreiben von Kunst- und Kulturgeschichten beizutragen, sind mit erbitterten Kontroversen über Race, Repräsentation und Autorenschaft verflochten.

Vor diesen Hintergründen behandelt die erste Dialog-Reihe „Kunst – Politische Verantwortung – Soziale Gerechtigkeit“ verschiedene Themenfelder, die mit den Schlagworten The Myth of Home & Postmigration, Trust & Intransigence, Identity und Forms of Resistance einen ersten Denkanstoß vorgeben. In den Dialogen I werden ausgewählte internationale Positionen zu diesen Themen nach Graz gebracht, um den Dialog zwischen ihnen zu ermöglichen.

Im ersten Dialog wird das Thema „Mythos Heimat und Postmigration“ dialogisch behandelt und erörtert. Komplexe Erfahrungen im Zusammenhang mit geopolitischen Bewegungen fordern die Fassung eines erneuerten Verständnisses von Heimat und Zuhause. KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen nutzen Erfahrungen von Ortswechseln und Neusituierungen, um ein Verständnis von Identität zu entwickeln, das sich der Festschreibung einer homogenen Gemeinschaft entzieht und gleichzeitig Vorstellungen von nationalstaatlicher und kultureller Zugehörigkeit unterlaufen. Die Beschäftigung mit dieser Art der Erfahrung wird als Anstoß für die Entwicklung transnationaler Identitäten verstanden. Es werden unterschiedliche Fragestellungen im Zusammenhang mit Globalisierung, Diaspora und Migrationsbewegungen behandelt. TheoretikerInnen und KünstlerInnen können somit einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis über das Leben in umkämpften Territorien, sowie im weiteren Sinne zur Bildung einer alternativen Auffassung von „Heimat“, leisten. Vor diesem Hintergrund postulieren Wolfgang Meixner und Erol Yildiz in ihrer Publikation „Nach der Heimat. Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft“, die Idee des Mehrheimischseins und einen teilbaren Heimatbegriff. „Heimat“ wird hierbei nicht als aus- oder abgrenzend verstanden, sondern als ein inklusiver Ort, der gleichzeitig Raum für Konflikte zulässt. Ein weiterer zentraler Theoretiker, der sich mit Fragen der Postmigration beschäftigt, ist der Erziehungswissenschaftler und Migrationsforscher Marc Hill. Renate Hansen-Kokoruš, Professorin für bosnische, kroatische und serbische sowie russische Literatur und Steffen Schneider, Professor für Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft, werden das Thema des ersten Dialogs explizit aus der Sicht der Literatur aus und über Südosteuropa sowie des Mittelmeerraumes beleuchten. Der Filmemacher und Historiker Djordje Čenić wurde 1975 als „Gastarbeiterkind“ in Linz geboren. Seine österreichisch-kroatische Herkunft dient als Ausgangspunkt für eine politische und persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, die er in seinen Filmen thematisiert. „Unten“ (2016) beschäftigt sich beispielsweise mit dem Begriff „Unten“, der für viele Gastarbeiterfamilien im deutschsprachigen Raum Bosnien, Kroatien, Serbien, Herkunftsland, identitätsstiftender Bezugspunkt, Heimat, Ex-Jugoslawien, kultureller Background, Reisedestination, Kriegsregion und mehr bedeutet. Der Film „Unten“ wird bei den Dialogen 1: Mythos Heimat & Postmigration in Form eines Screenings gezeigt.

Durch den zweiten Dialog mit dem Titel „Trust & Intransigence“, wird eine besondere Akzentuierung auf europäische Konfliktzonen gesetzt. Die Dialoge 2 sollen hierbei eine Plattform für einen produktiven Austausch zwischen WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen bieten, der sich an Fragestellungen rund um das Leben in umkämpften Territorien orientiert. Es soll auf aktuelle gesellschaftliche und politische Brennpunkte, wie den Krieg in der Ukraine, Bezug genommen werden. Die von Marita Muukkonen und Ivor Stodolsky geleitete, gemeinnützige Organisation ARTISTS at RISK (AR) befindet sich an der Schnittstelle zwischen Menschenrechten und Kunst. AR widmet sich der Unterstützung verfolgter Kunstschaffender, der Erleichterung ihrer sicheren Ausreise aus ihren Herkunftsländern, der Unterbringung in AR-Residenzen und der Kuratierung damit verbundener Projekte. So kam etwa der Maler und Bildhauer Saddam Jumaily mit Hilfe von AR nach Finnland. Auch internationale Festivals wie der steirische herbst setzen einen expliziten Fokus auf die Behandlung dieser aktuellen Entwicklungen. Die Intendantin von steirischer herbst, Ekaterina Degot, hinterfragt in ihrer kuratorischen und wissenschaftlichen Arbeit die Grenzen des (welt-)politisch Machbaren und betont imperiales und koloniales Denken, dass der aktuellen Situation in der Ukraine zugrunde liegt. Vedran Džihić behandelt das Thema der Dialoge 2 mit seinen Forschungsschwerpunkten auf Demokratietheorie und Demokratisierungsprozesse, Europäische Integration, Konfliktforschung, Zivilgesellschaft und Protestbewegungen, Außenpolitik und Nationalismus mit dem regionalen Fokus auf Ost- und Südosteuropa mit besonderem Schwerpunkt auf dem Balkan und auf den USA aus der Sicht der Politikwissenschaft. Das Screening von Anri Sala’s „1395 Days without Red“ bildet einen zentralen Beitrag zu den, in den Dialogen 2: Trust & Intransigence behandelten Themenschwerpunkten. Der Film nimmt Bezug auf die 1395 Tage der Belagerung von Sarajevo, als das Tragen von roten oder leuchtenden Farben die Aufmerksamkeit der Scharfschützen auf sich ziehen konnte. Interethnische Beziehungen, ethnische Konflikte sowie insbesondere Nationalismus, bilden Hintergründe, die in Südosteuropa in Verbindung mit den Jugoslawienkriegen eine wesentliche Rolle spielen. KünstlerInnen aus dieser Region, wie etwa Jasmina Cibic, erforschen und reagieren auf diese Umstände. Politische Rhetorik kann durch Kunst und Architektur eingesetzt und kulturelle Produktion vom Staat genutzt werden, um bestimmte Prinzipien und Bestrebungen zu vermitteln. Diese Art von „Soft Power“ untersucht und hinterfragt Jasmina Cibic in ihrer künstlerischen Praxis. Sie legt hierfür die komplexen Verflechtungen von Kunst, Geschlecht und staatlicher Macht sowie die Strategien bei der Konstruktion der nationalen Kultur frei.

Mit „Boa's Repair Shop, Flag Repair“ wird Alexandra Hammond, Workshops zur Reparatur physischer Objekte und metaphysischer Zustände anbieten. Die Künstlerin betont hiermit, dass die Pflege von Gegenständen (die von menschlicher Arbeit, Netzwerken von Versorgungsketten und Rohstoffen durchdrungen sind) bedeutet, sich umeinander, die Erde und uns selbst zu kümmern. „Boa's Repair Shop, Flag Repair“ fördert das Reparieren als einen Akt der Liebe und der Verbundenheit für Menschen jeglicher Herkunft. Das Ethos von „Boa's Repair Shop, Flag Repair“ besteht darin, unsere kollektive Beziehung zur Gebrochenheit selbst neu zu gestalten.

Theoretische, sowie künstlerische Reaktionen gegen Stereotypisierungen und Zuschreibungen in Verbindung mit dem Geschlecht, stellen einen zentralen Beitrag zur öffentlichen Debatte zu dieser Thematik dar. Diese Gesichtspunkte werden nicht nur hinterfragt, es werden gleichzeitig Gegendarstellungen im Zusammenhang mit geschlechtlicher Identität entwickelt. Körperlichkeit selbst kann hierbei als Machtinstrument der Befreiung verstanden werden. David Getsy beschreibt in seiner Publikation „Queer Behavior. Scott Burton and Performance Art“, die queeren Erfahrungen und sexuellen Kulturen der 1970er Jahre, die Scott Burtons Performance-Kunst und Skulpturen stützten. David J. Getsy vertritt die These, dass Burton die Körpersprache und queeres Verhalten im öffentlichen Raum - vor allem das Cruising auf der Straße - als Grundlage für ein Überdenken des Publikums und der Möglichkeiten der Kunst nutzte. Furusho von Puttkammer wird den Themenschwerpunkt der Dialoge 3: Identity aus der Perspektive einer Ausdauerperformance über Frustration und Vergeblichkeit behandeln. Mit der partizipatorischen Performance „Museum of Me“ von Alexandra Hammond hingegen, wird der Fokus auf der Förderung des Bewusstseins für eine weite innere Welt liegen. Bárbara Wagner und Benjamin de Burca zeigen im Zuge der Dialoge ihre filmischen Arbeiten “Terremoto Santo”/”Holy Tremor”; “Estás vendo coisas”/”You are seeing things”; “Faz que vai”/”Set to go”. Ihre Arbeiten haben sowohl dokumentarische als auch fiktionale Züge, indem sie mit ihren Protagonisten zusammenarbeiten, wie z.B. Rappern in Toronto, Swingueira-Tänzern in Brasilien oder Schlagersängern in Deutschland.

Akte der politischen Selbstbestimmung sind selbst häufig in den künstlerischen Praktiken verwoben und stellen so Formen des Widerstands gegen strukturelle Benachteiligungen dar, wie etwa die Arbeiten von Yagazie Emezi, Ryan Cosbert, und Belinda Kazeem-Kamiński zeigen. Eine zentrale Behandlung und Hinterfragung von Diskriminierungen, die auf rassistische Strukturen zurückzuführen sind, stellt die von Okwui Enwezor konzipierte Ausstellung „Grief and Grievance. Art and Mourning in America“, im New Museum in New York dar. Die Ausstellung beschäftigte sich mit dem Konzept der Trauer, des Gedenkens und des Verlusts als direkte Reaktion auf den nationalen Notstand rassistischer Gewalt, der von schwarzen Gemeinschaften erlebt wird. In einem Moment als die Black Lives Matter-Bewegung an noch nie zuvor in diesem Ausmaß da gewesener, globaler Aufmerksamkeit gewann, arbeitete Mark Nash als Teil des kuratorischen Beratungsteams an der Umsetzung der Ausstellung und betonte in diesem Zusammenhang historische Bewegungen wie das Civil Rights- und das Black Power-Movement, die sich ebenfalls aus ähnlichen Hintergründen und Problematiken, die bis in die frühe Zeit der Kolonialisierung zurückverfolgt werden können, formierten.

In einem anderen geographischen Kontext stellt Florian Bieber eine zentrale theoretische Position in der Südosteuropaforschung dar. Mit dem von ihm geleiteten Zentrum für Südosteuropastudien, werden in enger Zusammenarbeit mit regionalen und internationalen Institutionen, vergangene und aktuelle Prozesse in der südosteuropäischen Region kritisch untersucht und Empfehlungen für Verbesserungen der öffentlichen Politik gegeben.

WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen befassen sich mit politischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit auf verschiedenste Weisen und erzeugen damit innovative Denkfelder, die im Zuge der Dialoge produktiv genutzt werden sollen.

Das Zentrum für GegenwartsKunst reagiert mit der dieser Schwerpunktsetzung auf aktuelle Themen und Diskussionen und setzt damit das Wissen und das Potential der steirischen Kunst- und Wissenschaftsszene in einen internationalen Kontext und schafft damit die Rahmenbedingungen für einen fruchtbaren Wissensaustausch. Politische Verantwortung und Soziale Gerechtigkeit stellen zwei Themenfelder dar, die in gegenwärtigen Gesellschaften in einem ständigen Dialog aktuell gehalten werden müssen und unter Einbindung der Öffentlichkeit diskussionsbedarf haben – im Sinne eines Dialogs ohne Grenzen.

Univ.-Prof. Dr.

Sabine Flach

Zentrum für GegenwartsKunst


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